Sie haben über Jahre hinweg bei einem Online-Casino ohne deutsche Lizenz gespielt und möchten Ihre Verluste zurückfordern? Anbieter reagieren in solchen Fällen häufig mit einem scheinbar schlüssigen Argument: „Sie haben selbst gegen das Glücksspielrecht verstoßen. Nach § 817 Absatz 2 BGB besteht daher kein Rückforderungsanspruch.“ Dieses Argument greift jedoch nicht. Das Oberlandesgericht Brandenburg hat in seinem richtungsweisenden Urteil vom 16. Juni 2025 (Az. 2 U 24/25) klargestellt, dass diese Verteidigung unzulässig ist.
Das Wichtigste im Überblick:
- § 817 Absatz 2 BGB schützt nicht den Anbieter, sondern den Spieler.
- Das OLG Brandenburg hat dies ausdrücklich entschieden (Urteil vom 16. Juni 2025).
- Spieler können ihre Verluste vollständig zurückfordern – auch bei eigenem Verstoß gegen das Glücksspielrecht.
- Die Entscheidung stärkt zahlreiche betroffene Spieler bundesweit.
- Die zehnjährige Verjährungsfrist (§ 852 BGB) macht insbesondere das Jahr 2026 entscheidend für Ansprüche ab 2016.
Der Fall im Detail:
Ein Spieler hatte zwischen 2014 und 2020 bei einem Anbieter mit Sitz in Malta ohne deutsche Lizenz gespielt und dabei erhebliche Verluste erlitten. Erst Jahre später verlangte er die vollständige Rückzahlung seiner Einsätze.
Der Anbieter verteidigte sich mit dem Hinweis, der Spieler habe selbst gegen § 4 Abs. 4 des Glücksspielstaatsvertrags 2012 verstoßen. Deshalb greife § 817 Absatz 2 BGB („Mitverschulden“), sodass eine Rückforderung ausgeschlossen sei.
Die Entscheidung des OLG Brandenburg
Das Gericht folgte dieser Argumentation nicht und stellte klar:
- § 4 Abs. 4 GlüStV 2012 ist ein Verbotsgesetz im Sinne von § 134 BGB.
- Verträge mit nicht lizenzierten Anbietern sind daher nichtig.
- Daraus ergibt sich ein Rückzahlungsanspruch nach § 812 BGB.
- § 817 Abs. 2 BGB schützt nicht den Anbieter, sondern ist zugunsten des Spielers auszulegen (teleologische Reduktion).
Ergebnis: Der Kläger erhielt seine Verluste vollständig zurück.
Warum § 817 BGB den Spieler schützt – nicht den Anbieter
Das sogenannte Mitverschuldensargument
§ 817 Absatz 2 BGB soll verhindern, dass jemand aus einem eigenen Gesetzesverstoß Vorteile zieht. Anbieter argumentieren daher: Wer bewusst illegal gespielt hat, kann nichts zurückfordern.
Diese Argumentation wirkt plausibel, ist aber rechtlich unzutreffend.
Die teleologische Reduktion
Das OLG Brandenburg betont, dass der Zweck des Glücksspielverbots im Schutz der Verbraucher liegt. Die Vorschrift soll Spieler vor unregulierten Angeboten schützen – nicht die Anbieter entlasten.
Daraus folgt:
- Der Spieler kann sich auf die Unwirksamkeit des Vertrags berufen.
- Der Anbieter kann § 817 Abs. 2 BGB nicht nutzen, um Rückzahlungen zu verweigern.
Die Rechtslage im Überblick
- Keine wirksame Leistung:
Da der Vertrag nichtig ist, liegt rechtlich keine wirksame Leistung des Spielers vor. - Rückforderung nach § 812 BGB:
Gezahlte Beträge können zurückverlangt werden, da kein Rechtsgrund bestand. - § 817 Abs. 2 BGB greift nicht:
Das Gericht wendet die Vorschrift zugunsten des Spielers an und schließt ihre Anwendung zugunsten des Anbieters aus. - Vollständige Rückzahlung möglich:
Ansprüche bestehen weiterhin, sofern keine Verjährung eingetreten ist – besonders relevant für Verluste ab 2014.
Praktische Auswirkungen für Betroffene
Das Urteil entkräftet das häufigste Argument der Anbieter vollständig. Die bisherige Verteidigungslinie – der Spieler habe selbst gegen das Gesetz verstoßen – ist damit weitgehend wirkungslos.
Für Spieler bedeutet das:
- Rückforderungen können durchgesetzt werden.
- § 817 Abs. 2 BGB stellt kein Hindernis mehr dar.
- Auch hohe Verluste sind grundsätzlich erstattungsfähig.
Einordnung: Unterstützung durch BGH und EuGH
Die Entscheidung steht im Einklang mit der aktuellen Rechtsprechung:
- Der Bundesgerichtshof (Hinweisbeschluss vom 22. März 2024, Az. I ZR 88/23) hat Rückforderungen grundsätzlich bestätigt.
- Der Europäische Gerichtshof hat mit seinem Urteil vom 16. April 2026 (C-440/23) zusätzliche Klarheit geschaffen.
- Auch weitere Verfahren (z. B. C-530/24) deuten auf eine verbraucherfreundliche Entwicklung hin.
Die Verjährungsproblematik: Warum 2026 entscheidend ist
Die Zeit spielt für viele Betroffene eine zentrale Rolle. Es gilt die zehnjährige Verjährungsfrist nach § 852 BGB.
Konkret:
- Verluste aus 2014 verjähren Ende 2024
- Verluste aus 2015 verjähren Ende 2025
- Verluste aus 2016 verjähren Ende 2026
Wer betroffen ist, sollte daher zeitnah handeln.
Handlungsempfehlung
Wenn Sie zwischen 2014 und 2016 Verluste erlitten haben:
- Sichern Sie Ihre Unterlagen (Kontoauszüge, Transaktionen)
- Lassen Sie Ihre Ansprüche rechtlich prüfen
- Erwägen Sie eine Klage zur Hemmung der Verjährung
Das Urteil des OLG Brandenburg verbessert Ihre Position erheblich – allerdings nur innerhalb der laufenden Fristen.
FAQ – Häufige Fragen
Gilt das Urteil nur in Brandenburg?
Nein. Es betrifft eine grundlegende Rechtsfrage und wird bundesweit berücksichtigt.
Muss ich Vorsatz des Anbieters nachweisen?
Nein. Die fehlende Lizenz genügt, um den Vertrag als nichtig anzusehen.
Erhalte ich auch Zinsen und Kosten?
Das ist einzelfallabhängig. Grundsätzlich können auch Nebenforderungen geltend gemacht werden.
Was passiert bei Insolvenz des Anbieters?
Dann müssen Ansprüche im Insolvenzverfahren angemeldet werden.
Klage oder außergerichtliche Einigung?
Beides ist möglich. Oft wird zunächst verhandelt, bei Bedarf folgt die Klage.
Fazit
Das Urteil des OLG Brandenburg (Az. 2 U 24/25) stellt klar: § 817 Absatz 2 BGB dient dem Schutz der Spieler, nicht der Anbieter. Rückforderungsansprüche bleiben bestehen, selbst wenn der Spieler gegen das Glücksspielrecht verstoßen hat.
Für Betroffene eröffnet sich damit eine klare Möglichkeit, Verluste zurückzuholen – insbesondere solange die Verjährungsfristen noch nicht abgelaufen sind.















